329 Jahre deutscher Einwanderung

Heute feiert man in Germantown, Pennsylvania Gründungstag.  Obwohl sich die ersten Siedler (z.T. Mennoniter auch aus deutschem Raum) schon 1681 dort niederlassen hatten, wurde an diesem Tag in 1683 die Stadt durch deutsche Einwanderer gegründet.  Damit haben eine riesige Bevölkerungswelle und eine kulturreiche Tradition angefangen, deren Vorteile man in den USA bis heute noch genießt.  Noch in den 1980er Jahren war gut 40% der amerikanischen Bevölkerung mindestens teilweise deutscher Abstammung.  Reist man in Bundestaate wie Indiana bzw. Wisconsin, so sieht man woimmer auch man schaut das Schwarz-Rot-Gold der Ahnen; es blicken dem Pilger lauter Adler auf Schildern, Ladenfenstern, usw. entgegen.

Meine Mutter, deren Familie aus Mutterstadt westlich von Ludwigshafen am Rhein etwa 1845 eingewandert ist, ist in südöstlichem Indiana geboren und aufgewachsen.  Die Landschaft ist von Dörfern, Bauernhöfen, Kirchen (immer mit Friedhof, normalerweise auf der anderen Seite der Straße), aber vor allem sich weiterstreckenden Ackerfeldern (d.h. hektarenmäßig groß) geprägt.  Sommer 1985 hat sie, als Englischlehrerin, sechs Wochen an einem Seminar im Norden ihres Heimatstaates teilgenommen.  Sie ist mit einem anderen Lehrer aus dieser Gegend (also ihrem heutigen Lebensort) dorthin gefahren; ich habe sie am Ende abgeholt.  Sie hat sich ein paar Tage auf der Heimfahrt gegönnt, um wieder einmal die Orte ihrer Vorfahren und Kindheit zu besuchen.  Ihre Eltern waren schon längst verstorben, ihre Geschwister in andere Bundestaate hingezogen, und sie konnte es gar nicht mehr annehmen, wieder einmal Anlaß dazu zu haben.

Eines, worauf sie mich während unsrer Reise aufmerksam gemacht hat, waren die Bauernhäuser, die riesig aus den Ackerfeldern ragen.  Hölzern gebaut, mit vielen und auch großen Fenstern (3 bis 5 Quadratmeter Umfang, auch im Obergeschoß, ist gar nicht außerordentlich) versehen, sie sind wo möglich auf kleinen Hügeln gebaut worden, die über das von dem Gutsinhaber mit eigenen Händen gepflegten Land Blick bieten. 

Obwohl sie seit fast 60 Jahren im Süden lebt, hat meine Mutter nie ihren Stolz auf ihren Geburtsstaat und dessen Volk vergessen.  Diese Häuser seien keine Ehrenmale auf Sklavenarbeit, wies sie darauf hin; sie seien dem selben Schweiß entsprungen, der buchstäblich von den Gesichtern der Bauernfamilie auf die Erde unter ihren Füßen gefallen ist, und womit sie sich ein neues Leben in einer neuen Welt geschaffen haben.  Deswegen ist man hierhergeflohen, egal ob vor oder nach 1848.

Man möge auch nicht vergessen, daß es im Bürgerkrieg ganze Regimenter Deutsche gegeben hat, die — nicht einmal schon Bundesbürger zum größten Teil — der Sklavenmacht ins Feld gezogen sind, und sich mit Herz und Leib für die Freiheit auch in ihrer neuen Heimat eingesetzt haben.  Ihre Toten Ruhen noch heute in stillen Soldatenfriedhöfen, die an ihnen vorher unvorstellbaren Orten liegen, die fremde Namen wie Shiloh, Chickamauga, und Vicksburg aufweisen.

Im Südwesten von Illinois, entlang dem Mississippi-Fluß, zieht sich eine Reihe Dörfer hin, mit Namen wie New Baden usw.  Fast ausnahmslos steht am Rand des Dorfes mindestens eine Schule, die meist schon älter aussieht, aber doch wohlbehalten wirkt.  Es ist noch dem gelegentlichen Reisenden ohne Zweifel klar, man ist stolz auf “seine” Schule, nimmt Anteil daran, was drin vor sich geht.  In dem Dorf steht auch eine Kirche, mal katholisch, mal evangelisch, je nach dem Auswanderungsort der ursprünglichen Siedler.  Bis vor einem Jahrzehnt ist es in etlichen der Kirchen noch ein Gottesdienst bzw. Messe auf deutsch abgehalten worden.

Wenn man bei uns “Diversität” zu feiern angibt, heißt das zumeist, daß gefordert wird, mehr Geld, mehr Arbeitsstellen usw. anderen zu schenken, ohne daß man Gegenleistung bzw. Tatkraft vorher gezeigt hat, und nur um die Voraussetzung, sie sehen dem jeweiligen Sprecher ähnlich aus.  Dabei verletzt man aber die Erinnerung derer, die eigentlich diejenige Gesellschaft erschaffen haben, von der jetzt gefordert wird, die angeblichen Reichtümer neu “umzuverteilen,” als ob es solche aus Obstbäumen einfach zu pflücken gegegen hätte.

Also:  Hoch auf die Diversität, und zwar für diesen Tag auf deutsch!!

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